Ausbildung, Abi, Studium, Karriere – oder doch mein eigener Weg?

Wie junge Menschen zwischen Arbeitsmarkt, eigenen Wünschen und den Erwartungen ihrer Eltern ihren Platz suchen

Im Sommer steigen die Arbeitslosenzahlen regelmäßig an. Im Juli 2026 meldete die Bundesagentur für Arbeit bundesweit 3,007 Millionen Arbeitslose – 71.000 mehr als im Juni. Die Bundesagentur führt diese Entwicklung zu einem erheblichen Teil auf jahreszeitliche Effekte zurück. Zu diesen saisonalen Bewegungen gehören auch Übergänge nach Schule, Ausbildung oder Studium. 

Doch hinter diesen Zahlen stehen Menschen – darunter junge Erwachsene am Übergang zwischen Schule, Ausbildung, Studium und Beruf. Für viele von ihnen beginnt gerade eine der ersten großen Entscheidungen ihres Lebens: Wie gestalte ich meine Zukunft?

Ausbildung oder Studium? Handwerk oder Hochschule? In der Heimat bleiben oder wegziehen? Und häufig wird diese Entscheidung von gut gemeinten Ratschlägen der Familie begleitet: „Mach erst einmal dein Abitur.“ „Mit einem Studium hast du später bessere Chancen.“ Oder: „Du hast doch so gute Noten – da kannst du doch mehr daraus machen.“

Solche Sätze entstehen meist aus einem nachvollziehbaren Wunsch: Eltern möchten, dass ihre Kinder später ein gutes und möglichst sicheres Leben führen. Trotzdem können genau diese gut gemeinten Ratschläge Druck erzeugen. Nämlich dann, wenn aus Unterstützung Erwartungen werden. 

Viele junge Menschen fragen sich bei der Berufswahl nicht nur: Was will ich werden?“ Sondern auch:  Wo bleiben eigene Stärken und Interessen? Was passiert mit dem Freundeskreis, der bisher Sicherheit gegeben hat, wenn Ausbildung oder Studium einen Umzug verlangen? Und wer kann mir eigentlich garantieren, dass meine erste Berufswahl die richtige Entscheidung für mein weiteres Leben sein wird?

Vielleicht taucht irgendwann sogar die Frage auf: Welchen Weg muss ich gehen, damit ich meine Eltern und andere Menschen nicht enttäusche?

Nicht die Motivation fehlt – sondern oft die Orientierung

Die pauschale Behauptung, die junge Generation habe keine Lust auf Ausbildung, hält den aktuellen Daten nicht stand.

Für die im Juli veröffentlichte Studie „Ausbildungsperspektiven 2026“ der Bertelsmann Stiftung wurden 1.763 junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren sowie zusätzlich 1.325 Auszubildende befragt. Die Ergebnisse zeigen: Eine berufliche Ausbildung genießt bei jungen Menschen weiterhin einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig berichten viele Jugendliche von Schwierigkeiten bei der Orientierung und beim Zugang zu einer passenden Ausbildung.

Das Problem scheint also weder eine grundsätzliche Unlust junger Menschen noch eine fehlende Attraktivität der Ausbildung zu sein. Schwieriger ist offenbar der Weg dorthin.

Ausbildungsplätze sindvorhanden – und junge Menschen suchen. Trotzdem finden beide Seiten nicht automatisch zusammen. Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wo gibt es noch einen Ausbildungsplatz? Sondern auch: Welcher Ausbildungsplatz passt zu welchem jungen Menschen?

Mehr als die Hälfte der in der Bertelsmann-Studie befragten jungen Menschen berichtet von Schwierigkeiten, sich in der Vielzahl der Informationen zur Berufsorientierung zurechtzufinden. Besonders interessant ist dabei, wer ihnen Orientierung gibt: Für 91 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler spielen die eigenen Eltern eine sehr oder eher wichtige Rolle.

Das ist enorm viel Einfluss. Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob Eltern bei der Berufswahl eine Rolle spielen sollten. Sondern: Welche Rolle?

„Du kannst doch Abitur machen“

Wer gute Noten hat, kennt möglicherweise Sätze wie: „Du kannst doch noch weiter zur Schule gehen.“ Wer Abitur macht, hört vielleicht: „Dann solltest du doch auch studieren.“ Und wer sich anschließend für eine Ausbildung interessiert, bekommt womöglich die Frage: „Willst du mit deinem Abi wirklich eine Ausbildung machen?“ 

Wie häufig solche Aussagen tatsächlich fallen, lässt sich aus der Bertelsmann-Studie nicht ableiten. Doch daraus ergibt sich eine andere, grundsätzliche Frage: Welche Vorstellung von Erfolg geben Erwachsene jungen Menschen eigentlich mit?

Gilt das Abitur in manchen Familien noch immer als der höherwertige Bildungsweg? Wird ein Studium stärker mit beruflichem Erfolg verbunden als eine Ausbildung? Und ist ein handwerklicher Beruf bei sehr guten Schulnoten eine verpasste Chance – oder vielleicht genau die richtige Entscheidung für diesen Menschen?

Unterstützung oder Lenkung?

Auch die Bundesagentur für Arbeit misst den Eltern bei der Berufsorientierung eine wichtige Rolle bei. Sie empfiehlt unter anderem offene Gespräche über Erwartungen und Wünsche, ehrliches Feedback zu Stärken und Interessen sowie Unterstützung bei eigenen Erfahrungen – etwa nach Praktika.

Unterstützen, ohne den Weg vollständig vorzugeben: In der Theorie klingt das einfach. In einer Familie dürfte es manchmal deutlich schwieriger sein. Denn auch Eltern beraten nie völlig losgelöst von ihrer eigenen Biografie. Vielleicht konnten sie selbst nicht studieren und wünschen ihrem Kind deshalb genau diese Möglichkeit. Vielleicht haben sie erlebt, wie unsicher ein bestimmter Beruf sein kann. Vielleicht verbinden sie einen Hochschulabschluss mit gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Aufstieg. Vielleicht möchten sie ihr Kind schlicht vor Schwierigkeiten schützen, die sie selbst erlebt haben. All das ist menschlich. Es bedeutet aber auch: Wenn Eltern über die Zukunft ihres Kindes sprechen, können unbewusst ihre eigenen Erfahrungen, Ängste und Wünsche mitsprechen.

Für junge Menschen entsteht damit eine zusätzliche Aufgabe: Was gehört zur Zukunftsvorstellung meiner Eltern – und was wirklich zu mir? 

Die eigene Zukunft optimistisch – die Welt deutlich weniger

Als wäre die Entscheidung über Ausbildung, Studium und Beruf nicht anspruchsvoll genug, muss die junge Generation sie vor einem widersprüchlichen gesellschaftlichen Hintergrund treffen.

Aktuelle Daten der BARMER-Jugendstudie 2025/26 zeigen: 80 Prozent der befragten Jugendlichen blicken optimistisch auf ihre persönliche Zukunft. Gleichzeitig bewerten nur 36 Prozent die Zukunft der Welt positiv. 63 Prozent machen sich große Sorgen wegen Kriegen, 44 Prozent wegen des Klimawandels. Auch politischer Extremismus, Umweltverschmutzung und Armut beschäftigen viele der Befragten.

Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Sorgen unmittelbar bestimmte Berufsentscheidungen verursachen. Aber sie zeigen den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem junge Menschen heute ihre Zukunft planen müssen.

Sie sollen Entscheidungen treffen, die möglichst langfristig tragen – während technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Veränderungen und gesellschaftliche Krisen gleichzeitig zeigen, wie schwer langfristige Prognosen geworden sind.

Vielleicht gewinnt deshalb neben der Frage „Was ist sicher?“ eine andere zunehmend an Bedeutung: „Was ist mir wichtig?“

 

Die erste Entscheidung muss nicht die letzte sein

Bei der Berufswahl geht es deshalb nicht nur um die Frage, welcher Ausbildungsplatz verfügbar ist oder welcher Studiengang gute Berufsaussichten bietet. Es geht auch um persönliche Vorstellungen: Was bedeutet Sicherheit für mich? Wie wichtig sind mir Geld, Zeit, Familie oder Freiheit? Wie möchte ich später arbeiten? Welche meiner Stärken möchte ich einsetzen? Und vielleicht sogar: Wie möchte ich mein Leben führen?

Denn ein junger Mensch entscheidet sich nicht nur für einen Beruf. Er entscheidet sich zunächst für eine Vorstellung davon, wie ein Teil seines Lebens aussehen könnte.

Gleichzeitig muss diese erste Entscheidung nicht den gesamten weiteren Lebensweg festlegen. Ausbildungen werden gewechselt. Auf eine Ausbildung kann ein Studium folgen. Ein begonnenes Studium kann in eine Ausbildung münden. Weiterbildungen eröffnen später neue berufliche Möglichkeiten. Viele Erwerbsbiografien verlaufen nicht vollständig geradlinig. Ausbildung und Studium müssen deshalb auch keine Gegensätze sein. Vielleicht würde bereits dieser Gedanke einen Teil des Drucks aus der Berufswahl nehmen. Die Aufgabe eines 16-, 17- oder 18-jährigen Menschen müsste dann nicht lauten: „Entscheide jetzt, was du für den Rest deines Lebens tun wirst.“ Sondern: „Finde einen guten nächsten Schritt.“

Die Zukunftsfrage 2026

Der Ausbildungsmarkt zeigt einen bemerkenswerten Widerspruch: In der Region Osnabrück suchen junge Menschen nach Ausbildungsplätzen, während gleichzeitig zahlreiche Stellen unbesetzt bleiben.

Aktuelle Studien zeigen zugleich, dass junge Menschen Ausbildung keineswegs grundsätzlich ablehnen – sich bei der beruflichen Orientierung aber teilweise schwertun und ihren Eltern dabei eine außerordentlich wichtige Rolle zuschreiben.

Vielleicht liegt eine der größten Herausforderungen moderner Berufsorientierung deshalb nicht darin, jungen Menschen noch mehr Möglichkeiten zu präsentieren. Sondern ihnen dabei zu helfen herauszufinden, welche dieser Möglichkeiten wirklich zu ihnen passt.

Eltern, Lehrkräfte, Berufsberater und andere Erwachsene können dabei viel beitragen. Sie können Erfahrungen weitergeben. Sie können Stärken erkennen. Sie können Türen öffnen. Und sie können Sicherheit vermitteln. Vielleicht besteht diese Sicherheit aber gerade nicht darin, die richtige Antwort bereits zu kennen. Sondern darin, einem jungen Menschen zu signalisieren: Du musst heute noch nicht deinen gesamten Lebensweg kennen. Aber ich helfe dir dabei, deinen nächsten eigenen Schritt zu finden.

Vielleicht sollten wir jungen Menschen deshalb etwas häufiger die Hand reichen – und etwas seltener ihre Zukunft für sie beantworten. Vielleicht beginnt gute Begleitung genau mit dieser Frage: „Was ist dir wichtig – und wie kann ich dir helfen, deinen eigenen Weg herauszufinden?“

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