Was, wenn du dazugehören willst – aber dafür jemand anderes sein musst?

Eine Geschichte über Zugehörigkeit, Anpassung und die Frage, wie viel von uns selbst wir manchmal aufgeben, um bleiben zu dürfen.

Hallo, ich bin Anna.

Du kennst mich nicht. Aber vielleicht sind wir uns in manchen Dingen viel näher und ähnlicher, als du gerade denkst.

Ich möchte dich heute ein Stück mitnehmen. Eigentlich ziemlich weit. Und zwar durch ungefähr 80 Jahre meines Lebens. Vieles wird sich bis zum Ende dieses Artikels verändert haben. Ich werde älter werden. Menschen werden in mein Leben kommen und andere daraus verschwinden. Ich werde lieben, zweifeln, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und vermutlich mehr als einmal glauben, meinen Platz gefunden zu haben.

Manches werde ich freiwillig verändern. Manches wird das Leben für mich verändern. Und trotzdem gibt es etwas, das mich durch all diese Jahre begleiten wird. Einen Wunsch, den ich lange nicht einmal hätte benennen könnenIch möchte dazugehören.

Vielleicht kennst du ihn auch.

Aber bevor ich dir erzähle, was dieser Wunsch mit meinem Leben gemacht hat, müssen wir ziemlich weit zurück.

Ich bin vier Jahre alt.

Vier Jahre: Mein Platz am Tisch

Meine Beine reichen noch nicht bis zum Boden. Wenn ich auf meinem Stuhl sitze, baumeln meine Füße unter dem Küchentisch hin und her. Vor mir steht eine Tasse Kakao. Daneben ein Teller mit einem Brot, das meine Mutter in kleine Stücke geschnitten hat.

Ich habe einen festen Platz. Links sitzt mein Vater. Rechts meine Mutter. Mein Platz ist dazwischen.

Ich muss nicht fragen, ob ich dort sitzen darf. Niemand erwartet eine Erklärung von mir. Wenn ich morgens in die Küche komme, ist dieser Stuhl einfach meiner.

Vielleicht ist das meine erste Erinnerung an Zugehörigkeit.

Da ist ein Platz für mich.

Natürlich lerne ich auch Regeln. Ich soll nicht mit vollem Mund reden. Ich soll warten, bis jemand ausgesprochen hat. Ich soll mich benehmen, wenn Besuch kommt. Und wenn ich zu laut werde, sagt meine Mutter manchmal: Anna, jetzt sei doch mal ein bisschen ruhiger.“

Nichts davon ist dramatisch. Meine Eltern lieben mich. Aber Kinder sind ziemlich gute BeobachterSie merken schnell, wann Erwachsene lächeln. Wann sie genervt schauen. Wann sie gelobt werden. Und wann es angenehmer für alle ist, wenn sie ein bisschen weniger Raum einnehmen. Also lerne ich. Nicht bewusst. Ich lerne einfach, wie ich sein muss, damit alles gut bleibt.

Vierzehn Jahre: Der freie Stuhl

Zehn Jahre später geht es längst nicht mehr darum, wo mein Stuhl in unserer Küche steht. Jetzt geht es darum, an welchem Tisch ich in der Schule sitzen darfEs gibt einen Tisch, an dem ich gern sitzen würde. Dort sitzen die Mädchen, die scheinbar immer wissen, was gerade richtig ist. Welche Musik man hört. Welche Kleidung man trägt. Über wen man lachen darf. Und über wen besser nicht.

Eines Tages ist dort ein Platz frei. Ich setze mich. Ich erinnere mich noch heute daran, weil eigentlich überhaupt nichts Besonderes passiert. Niemand sagt: „Anna, du darfst dazugehören, aber nur, wenn du dich veränderst.“

So offensichtlich funktioniert das nicht. Es funktioniert viel leiser.

Eine sagt etwas Gemeines über ein anderes Mädchen aus unserer Klasse. Die anderen lachen. Ich mag dieses Mädchen eigentlich. Trotzdem lache ich mit. Nur ganz kurz. Gerade genug.

Später sehe ich sie auf dem Flur. Sie schaut mich an. Ich schaue weg.
An diesem Tag verliere ich keine Freundin. Ich werde nicht bestraft. Niemand spricht noch einmal darüber.Und trotzdem habe ich etwas gelernt: Manchmal kostet ein Platz am Tisch etwas.

Manchmal ist der Preis ein Satz, den du eigentlich nicht sagen wolltest. Ein Lachen, das nicht deins war. Eine Meinung, die du verschweigst. Oder ein Teil von dir, den du lieber versteckst.

Heute weiß ich, dass dieser Wunsch keineswegs eine jugendliche Nebensächlichkeit ist. Die Psychologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit unserem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Roy Baumeister und Mark Leary beschrieben den Wunsch, starke und stabile zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, bereits 1995 als eine grundlegende und weit verbreitete menschliche Motivation.

Gerade in der Jugend bekommt dieses Bedürfnis eine besondere Bedeutung. Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2024 untersuchte 86 Studien zum Zugehörigkeitsgefühl in der Schule und zeigt, wie eng dieses mit individuellen, sozialen und schulischen Faktoren verwoben ist. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit fand in der Mehrzahl der untersuchten Längsschnittstudien einen schützenden Zusammenhang zwischen stärkerer Verbundenheit mit der Schule und später geringeren depressiven beziehungsweise Angstsymptomen.

Mit vierzehn wusste ich davon nichts. Ich wusste nur: Ich wollte nicht diejenige sein, für die kein Stuhl mehr frei war.

Vierundzwanzig Jahre: „Mir ist egal, wo wir essen.“

Mit vierundzwanzig sitze ich einem Mann gegenüber, in den ich ziemlich verliebt bin. Er heißt Thomas. Wir sind seit sieben Monaten zusammen.

„Wo möchtest du essen?“, fragt er mich.
Ich zucke mit den Schultern.
„Mir egal.“

Es ist mir nicht egal. Ich hätte Lust auf das kleine italienische Restaurant, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. Thomas möchte lieber zum Griechen. Also gehen wir zum Griechen.

Das klingt lächerlich klein, oder? Ist es wahrscheinlich auch. Niemand verliert sich selbst wegen eines Restaurants. Aber es bleibt nicht beim Restaurant.

 

„Welchen Film möchtest du sehen?" „Mir egal."
„Wo sollen wir Urlaub machen?" „Such du aus."
„Kommst du mit zu meinen Freunden?"„Klar."
„Stört dich das?" „Nein."
„Hat dich das verletzt?" „Nein, alles gut."

Ich halte mich für unkompliziert. Und Thomas hält mich vermutlich auch dafür. Ich bin stolz darauf. Ich bin nicht anstrengend. Ich mache kein Drama. Ich kann mich anpassen.

Was ich damals noch nicht verstehe: Zwischen Rücksicht nehmen und sich selbst verlassen liegt manchmal nur eine sehr dünne Grenze. Und ich werde erstaunlich gut darin, sie zu überschreiten.

Vierundzwanzig Jahre: „Mir ist egal, wo wir essen.“

Mit vierundzwanzig sitze ich einem Mann gegenüber, in den ich ziemlich verliebt bin. Er heißt Thomas. Wir sind seit sieben Monaten zusammen.

„Wo möchtest du essen?“, fragt er mich.
Ich zucke mit den Schultern.
„Mir egal.“

Es ist mir nicht egal. Ich hätte Lust auf das kleine italienische Restaurant, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. Thomas möchte lieber zum Griechen. Also gehen wir zum Griechen.

Das klingt lächerlich klein, oder? Ist es wahrscheinlich auch. Niemand verliert sich selbst wegen eines Restaurants. Aber es bleibt nicht beim Restaurant.

„Welchen Film möchtest du sehen?" „Mir egal."
„Wo sollen wir Urlaub machen?" „Such du aus."
„Kommst du mit zu meinen Freunden?"„Klar."
„Stört dich das?" „Nein."
„Hat dich das verletzt?" „Nein, alles gut."

Ich halte mich für unkompliziert. Und Thomas hält mich vermutlich auch dafür. Ich bin stolz darauf. Ich bin nicht anstrengend. Ich mache kein Drama. Ich kann mich anpassen.

Was ich damals noch nicht verstehe: Zwischen Rücksicht nehmen und sich selbst verlassen liegt manchmal nur eine sehr dünne Grenze. Und ich werde erstaunlich gut darin, sie zu überschreiten.

Vierunddreißig Jahre: Ich kenne die Lieblingsessen aller

Zehn Jahre später gibt es wieder einen großen Küchentisch in meinem Leben. Diesmal gehört er mir. Thomas und ich sind verheiratet. Wir haben zwei Kinder. Ich kenne die Lieblingsessen von allen. Thomas mag die Kartoffeln besonders knusprig. Unser Sohn hasst gekochte Möhren. Unsere Tochter möchte die Sauce neben die Nudeln und auf keinen Fall darüber. Ich weiß, welcher Kuchen an welchem Geburtstag gewünscht wird. Wer morgens zuerst ins Bad muss. Wer gerade neue Schuhe braucht. Wer am Wochenende wohin gefahren werden muss.

Wenn du mich nachts um drei geweckt hättest, hätte ich dir wahrscheinlich sagen können, was drei andere Menschen brauchen. Nur bei einer Person wäre ich ins Stocken geraten. Bei mir.

Manchmal fragt Thomas: „Was möchtest du denn?“ Und ich antworte: „Ach, mir ist das wirklich egal.“

Es klingt großzügig. Fast liebevoll. Aber irgendwann ist mir tatsächlich vieles egal geworden.

Nicht, weil ich keine Wünsche mehr habe. Sondern weil ich so lange damit beschäftigt war, die Wünsche anderer zuerst zu hören, dass meine eigenen immer leiser geworden sind. Das Seltsame daran: Ich gehöre dazu. Mehr als jemals zuvor vielleicht. Ich bin Ehefrau. Mutter. Freundin. Tochter. Nachbarin.

Ich werde gebraucht. Menschen rufen meinen Namen. Menschen warten auf mich. Menschen vermissen mich, wenn ich nicht da bin. Und trotzdem gibt es Abende, an denen ich als Letzte am Küchentisch sitze, während alle anderen längst aufgestanden sind. Dann schaue ich auf die vier Stühle. Und fühle mich für einen kurzen Moment merkwürdig weit weg von meinem eigenen Leben.

Einundsechzig Jahre: Ein leerer Stuhl

Mit einundsechzig Jahren sitze ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten regelmäßig allein an meinem Küchentisch. Thomas und ich sind nicht mehr zusammen. Es gab keinen großen Knall. Keinen Teller, der an einer Wand zerschellte. Keine einzelne Nacht, in der plötzlich alles vorbei war. Vielleicht wäre das sogar leichter zu erzählen. Unsere Geschichte endete viel unspektakulärer.

Wir hatten uns irgendwann so sehr daran gewöhnt, miteinander zu funktionieren, dass wir sehr spät bemerkten, wie wenig wir noch voneinander wussten.

Als er auszog, blieb sein Stuhl zunächst stehen. Monatelang. Ich hätte ihn wegstellen können. Tat ich aber nicht. Vielleicht, weil ein leerer Stuhl manchmal weniger endgültig aussieht als gar keiner.

Die ersten Wochen fürchte ich mich vor den Abenden. Niemand fragt, was es zu essen gibt. Niemand erzählt von seinem Tag. Niemand sitzt mir gegenüber. Und dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Eines Abends stehe ich in meiner Küche und frage mich: Was möchte ich eigentlich essen?"

Nicht: Was ist noch da? Was mögen die Kinder? Was hätte Thomas gern? Was ist schnell fertig? Was möchte ich?"

Ich muss darüber lachen. Ich bin einundsechzig Jahre alt und brauche mehrere Minuten, um diese Frage zu beantworten. Das ist kein großer Befreiungsmoment. Es läuft keine Musik. Ich fühle mich nicht plötzlich wie ein neuer Mensch. Ich stehe einfach vor meinem Kühlschrank und merke: Da bin ja auch noch ich.

Siebenundsechzig Jahre: „Nein, Oma.“

Sechs Jahre später sitzt meine Enkelin bei mir am Küchentisch. Sie ist neun. Vor ihr steht ein Teller. Darauf liegen Tomaten.
„Ich mag die nicht.“, sagt sie. „Probier wenigstens eine.“ Sie schüttelt den Kopf. „Nein.“

Ich will gerade diesen Erwachsenenblick aufsetzen, den vermutlich jede Generation irgendwann erfindet. Dann muss ich lachen. „Na gut.“

Sie schaut mich misstrauisch an. „Bist du jetzt sauer?“ 
„Nein.“
„Wirklich nicht?“
„Wirklich nicht.“

Dann schiebt sie die Tomaten an den Rand und erzählt mir fünf Minuten lang von irgendeinem Streit auf dem Schulhof. Ich höre zu. Und während sie redet, denke ich an meinen eigenen Schulhof. An den freien Stuhl. An das Mädchen, über das ich gelacht habe. An all die Male, in denen ich Nein gedacht und Ja gesagt habe.

Und plötzlich wünsche ich meiner Enkelin etwas, das ich mir selbst viel früher hätte wünschen sollen: Dass sie Menschen findet, bei denen ihr Nein keinen Platz am Tisch kostet.

Nicht, weil Menschen niemals Kompromisse machen sollten. Natürlich müssen wir Rücksicht nehmen. Wir können nicht jede Beziehung ausschließlich nach unseren eigenen Bedürfnissen gestalten. Gemeinschaft funktioniert auch deshalb, weil wir uns aufeinander einstellen, zuhören, verzichten, verhandeln und manchmal etwas tun, das nicht unsere erste Wahl gewesen wäre.

Das Problem ist nicht Anpassung. Das Problem beginnt dort, wo Zugehörigkeit dauerhaft davon abhängt, dass ein Mensch seine Grenzen, Überzeugungen, Gefühle oder wesentliche Teile seiner selbst versteckt. Vielleicht ist das der Unterschied, den ich so lange nicht verstanden habe. Ein Kompromiss verändert eine Entscheidung. Selbstverleugnung verändert irgendwann den Menschen, der sie trifft.

Zweiundachtzig Jahre: „Ihr Platz ist hier.“

Heute bin ich zweiundachtzig. Seit einigen Monaten lebe ich in einem Pflegeheim. Mein Zimmer ist klein, aber schön. Auf der Fensterbank stehen Fotos. Meine Kinder. Meine Enkelkinder. Thomas ist auch dabei. Wir haben nach unserer Trennung irgendwann wieder gelernt, miteinander zu reden. Vielleicht sogar ehrlicher als vorher. Er ist vor einigen Jahren gestorben.

Manche Geschichten enden eben nicht sauber. Sie verändern nur ihre Form. Mittags essen wir gemeinsam. Als ich hier eingezogen bin, führte mich eine Mitarbeiterin in den Speisesaal. Sie zeigte auf einen Stuhl.„Frau Berger, Ihr Platz ist hier.“

Ich musste lächeln. Ihr Platz ist hier. Vier Worte. Und plötzlich war ich wieder vier Jahre alt. Meine Füße baumelten unter dem Küchen-tisch. Links mein Vater. Rechts meine Mutter. Da war ein Stuhl für mich.

Später hatte ich an vielen Tischen gesessen. An manchen hatte ich mich kleiner gemacht, damit niemand meinen Stuhl wegzog. An manchen hatte ich geschwiegen. An manchen hatte ich mich verbogen. An manchen hatte ich Menschen versorgt und darüber vergessen, dass ich selbst mit am Tisch saß. Und jetzt sollte also dies mein Platz sein.

Der Stuhl stand weit weg vom Fenster.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich.
Die Mitarbeiterin drehte sich um.
„Ja?“

Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt:Nichts. Alles gut. Mir egal."

Stattdessen sagte ich: „Ich würde lieber dort am Fenster sitzen. Geht das?“
Sie schaute kurz auf den Tisch.
„Natürlich.“

Das war alles. Kein Streit. Keine Ablehnung. Keine Katastrophe. Wir verschoben einen Stuhl.

Vielleicht klingt es albern, dass mir dieser Moment so wichtig ist. Aber manchmal braucht ein Mensch achtzig Jahre, um zu verstehen, dass er nicht jeden angebotenen Platz annehmen muss.

Heute sitze ich am Fenster.

Man kann unter Menschen sein und sich trotzdem nicht zugehörig fühlen

Vielleicht erscheint ein Pflegeheim auf den ersten Blick sogar wie ein Ort, an dem Einsamkeit weniger wahrscheinlich sein müsste. Menschen leben Tür an Tür. Es gibt gemeinsame Mahlzeiten. Pflegekräfte. Besucher. Aktivitäten.

Und trotzdem zeigt Forschung, dass räumliche Nähe allein noch keine Verbundenheit schafft. Eine systematische Übersichtsarbeit mit 13 Studien und insgesamt 5.115 Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen fand erhebliche Werte von Einsamkeit. Die durchschnittlich geschätzte Prävalenz lag bei 61 Prozent für moderate und 35 Prozent für schwere Einsamkeit. Allerdings unterschieden sich die Ergebnisse der einzelnen Studien stark, weshalb die Forschenden selbst darauf hinweisen, dass diese Durchschnittswerte mit Vorsicht interpretiert werden sollten.

Vielleicht überrascht mich das nicht. Denn ich habe in meinem Leben gelernt: Dazwischenzusitzen ist nicht dasselbe wie dazuzugehören. Zugehörigkeit entsteht nicht allein dadurch, dass jemand einen Stuhl für dich bereitstellt. Sie entsteht dort, wo du als der Mensch Platz nehmen darfst, der du bist.

Ich wollte mein ganzes Leben dazugehören

Wenn ich zurückblicke, möchte ich die junge Anna manchmal gern in den Arm nehmen. Ich möchte ihr sagen:Du musst nicht mitlachen."

Mit vierundzwanzig würde ich ihr gern zuflüstern: Sag doch einfach, dass du zum Italiener möchtest."

Mit vierunddreißig:Setz dich hin. Dein Essen darf auch einmal zuerst warm sein."

Mit achtundvierzig: Sag, was du denkst."

Mit einundsechzig: Du bist nicht weniger wert, nur weil der Stuhl gegenüber leer ist."

Aber so funktioniert ein Leben nicht. Wir bekommen die Erkenntnisse selten rechtzeitig geliefert. Meistens sammeln wir sie unterwegs.

Also bin ich der jungen Anna nicht böse. Sie wollte dazugehören. Das ist etwas zutiefst Menschliches.

Vielleicht lag ihr Fehler nie darin, dass sie sich nach Zugehörigkeit gesehnt hat. Vielleicht lag er darin, dass sie sehr lange glaubte, Zugehörigkeit müsse verdient werden.

Durch Angepasstsein. Durch Schweigen. Durch Leistung. Durch Nützlichkeit. Durch Rücksicht. Durch das richtige Verhalten. Durch ein Ja im richtigen Moment. Oder durch ein Nein, das man lieber nicht ausspricht.

Heute glaube ich etwas anderes. Vielleicht ist das die eigentliche Frage nicht: Wo passe ich hinein?" Sondern: Wo darf ich dazugehören, ohne dafür jemand anderes sein zu müssen?"

Bei welchen Menschen darfst du widersprechen und trotzdem bleiben? Wo darfst du müde sein, ohne weniger wert zu werden? Wo musst du nicht ständig beweisen, dass du nützlich bist? Wo darfst du eine andere Meinung haben? Wo darfst du Grenzen setzen? Wo darfst du dich verändern? Wo musst du nicht die angenehmste, stärkste, lustigste, erfolgreichste oder unkomplizierteste Version deiner selbst sein, damit jemand deinen Stuhl nicht wegzieht?

Vielleicht lohnt es sich, diese Fragen einmal nicht nur über andere zu stellen. Sondern auch über die Orte und Beziehungen, die wir selbst für andere schaffen. Was passiert, wenn jemand an unserem Tisch widerspricht? Wenn unser Kind einen anderen Weg wählt? Wenn unser Partner etwas braucht, das wir nicht verstehen? Wenn eine Freundin sich verändert? Wenn ein Kollege Nein sagt? Lassen wir den Platz frei? Oder machen wir Zugehörigkeit davon abhängig, dass der andere wieder so wird, wie wir ihn gern hätten?

                                          Mein Platz am Tisch

Heute Nachmittag kommt meine Enkelin. Sie ist inzwischen erwachsen. Wahrscheinlich bringt sie Kaffee mit. Sie weiß inzwischen, dass ich ihn ohne Zucker trinke.

Früher hätte ich wahrscheinlich jeden Kaffee so getrunken, wie man ihn mir hingestellt hätte. Heute nicht mehr.

Kleine Dinge. Ich weiß. Aber vielleicht besteht ein Leben am Ende hauptsächlich daraus. Aus tausend kleinen Momenten, in denen wir entscheiden: Sage ich, was ich brauche? Zeige ich, was ich fühle? Bleibe ich bei mir? Oder verschwinde ich ein kleines Stück, damit bloß niemand geht?

Ich bin Anna. Ich bin zweiundachtzig Jahre alt. Und ich möchte noch immer dazugehören. Ich glaube nicht, dass dieser Wunsch irgendwann verschwindet. Aber heute weiß ich etwas, das ich mit vier, vierzehn oder vierunddreißig noch nicht wusste: Zugehörigkeit bedeutet nicht, überall hineinzupassen.

Vielleicht beginnt echte Zugehörigkeit dort, wo du nicht mehr verschwinden musst, um bleiben zu dürfen.

Und falls du dich gerade fragst, wo dein Platz ist: Vielleicht musst du nicht zuerst lernen, besser hineinzupassen. Vielleicht darfst du anfangen, nach den Tischen zu suchen, an denen du als du selbst sitzen bleiben kannst.

Hinweis: Anna ist eine fiktive Person. Ihre Geschichte verdichtet Erfahrungen und Lebenssituationen, die viele Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen machen können.

Quellen und weiterführende Forschung

Baumeister, R. F. & Leary, M. R. (1995): The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. Die grundlegende Übersichtsarbeit beschreibt das Bedürfnis, stabile zwischenmenschliche Bindungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, als starke und weit verbreitete menschliche Motivation.

Štremfel, U., Šterman Ivančič, K. & Peras, I. (2024): Addressing the Sense of School Belonging Among All Students? A Systematic Literature Review. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education, 14(11), 2901–2917. Systematische Übersicht über 86 Studien zum Zugehörigkeitsgefühl von Schülerinnen und Schülern.

Raniti, M. et al. (2022): The role of school connectedness in the prevention of youth depression and anxiety: a systematic review with youth consultation. BMC Public Health, 22, 2152. Die Übersichtsarbeit umfasst 34 Längsschnitt- und zwei Interventionsstudien und fand insgesamt überwiegend Hinweise auf einen schützenden Zusammenhang zwischen stärkerer schulischer Verbundenheit und depressiven beziehungsweise Angstsymptomen.

Gardiner, C., Laud, P., Heaton, T. & Gott, M. (2020): What is the prevalence of loneliness amongst older people living in residential and nursing care homes? A systematic review and meta-analysis. Age and Ageing, 49(5), 748–757. Die Metaanalyse umfasst 13 Studien mit insgesamt 5.115 Teilnehmenden.

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